Solidarität mit den Opfern von Paris ja – aber mit der Marseillaise?

flagge frankreich

flag France

Es ist noch gar nicht mal so lange her, da traf ich beim Wandern auf ein paar nette Franzosen und als wir so über unsere Herkunftsländer plauderten, kam die Idee auf, die Marseillaise zu singen. Daraufhin begegnete eine von ihnen sehr entsetzt: “Oh nein, bloß nicht, wieso gefällt euch allen dieser Text? Der ist doch total gewaltverherrlichend!”

Nun denn. Ich nahm diesen Kommentar in diesem Sinne auf und beschäftigte mich nicht mehr weiter damit. Bis vor eineinhalb Wochen, an diesem schrecklichen Freitag den 13. Ja, es war in der Tat eine weiteres tragisches Ereignis in der Geschichte des Terrors, wieder sind so viele unschuldige Menschen einer Gewalttat zum Opfer gefallen und dieses Mal schienen es die Täter darauf ausgelegt zu haben, uns dort zu treffen, wo es am meisten weh tut- in jenen Situationen, in denen wir uns vergnügen, Ruhe finden und ausspannen wollen. Es schwingt in diesen Attentaten in der Tat ein beunruhigendes Moment mit – es werden unsere Grundwerte in Frage gestellt, das, was uns als Personen im öffentlichen Raum ausmacht, die Freiheit, das zu tun, was wir wollen, wurden offen angegriffen, Resultat: ein Ausnahmezustand, Unsicherheit und Beunruhigung gerade in jenen Situation, die uns in heute so wichtig sind.

Die Täter, so scheint es, haben ihr Ziel erreicht. Zumindest wecken die Nachrichten gegenwärtig den Eindruck, überall Terror, Terror und nochmals Terror. Das ist in einem gewissen Sinne mit Sicherheit logisch und verständlich, doch wie ein Autor in der spanischen Zeitung “El Pais” betonte, ist es gerade jetzt an der Zeit, unseren Lebensstil NICHT zu ändern, weiter zu machen mit dem, was uns Spaß macht, nicht zu lassen, was man tut: Kino, Freunde treffen, in Cafes und Kneipen. Niemand kann uns das verbieten. Auch der Staat nicht. Dieser macht sich jetzt zum Gehilfen der Terroristen und die Reaktionen auf die Anschläge sind – wie damals nach dem 11.9. auch – unüberlegt, stumpf und affektgesteuert. Als Antwort singt man auf der ganzen Welt die Marseillaise, als Antwort auf den Anschlag auf unsere Freiheit. Nun denn, hat sich den jemand schonmal den Text der Hymne angesehen? Hier eine Kostprobe der deutschen Übersetzung (Hervorhebungen in fett und kursiv von mir):

 

“Auf, Kinder des Vaterlands,
Der Tag des Ruhmes ist gekommen!
Gegen uns Tyrannei,
Das blutige Banner  ist erhoben. (2×)
Hört ihr auf den Feldern
Diese wilden Soldaten brüllen?
Sie kommen bis in eure Arme,
Um euren Söhnen, euren Gefährtinnen die Kehlen durchzuschneiden.
 
Refrain:
Zu den Waffen, Bürger,
Formt eure Truppen,
Marschieren wir, marschieren wir!
Unreines Blut
Tränke unsere Furchen!

           […]”

In Zeiten wie diesen spricht man viel davon, sich in die Lage des Anderen hineinzuversetzen. Und ja, es hat in der Tat etwas beunruhigendes an sich, wenn man denkt, dass Personen, die gerade das Gleiche machen wie man selber, dabei zu Tode kommen, im wahrsten Sinne des Wortes hingeschlachtet werden, nur weil sie eben gerade das zu tun scheinen. Aber worin besteht denn eigentlich die Grausamkeit dieses Akts? Doch in nichts Anderem als der Tatsache, dass diese Personen abgeschlachtet wurden, während sie sich vergnügten.

Was am Terror  abzulehnen ist, ist ist doch die Bluttat an sich. Wie muss man dem Terror begegnen? Indem man das Morden ablehnt. Was ist die Antwort auf Terrorismus? Frieden und Dialog.

Nun denn. Es gäbe die Sozialwissenschaften nicht, wenn die Antwort immer so einfach wäre, was denn Frieden und Dialog für jeden Teilnehmer bedeutet. Viel weniger hätte unsere Arbeit Sinn, wenn wir denn immer gleich eine einfache Antwort parat hätten. Man hat sich in unseren Tagen schon längst von dem Gedanken verabschiedet, Politik und sozialer Konsens beruhe ausschließlich auf rationaler Entscheidungsfindung. Tut er nämlich nicht. Sehr oft spielen Gefühle eine Rolle. Und heute ist das in der westlichen Welt dominierende Kollektivgefühl eben die Nation. So ist es durchaus verständlich, dass Menschen, die sich mit den Opfern identifizieren, versuchen, ihre Gefühle nachzuempfinden und den anerkannten kollektiven Ausdrucksformen von Gefühlen entsprechen, was eben die Nation mit ihren Hymnen ist.

Doch ist diese notwendige Zuerkennung von diesen zulässigen Gefühlen in der nationalen Trauerarbeit noch lange kein Grund, nicht über Gewalt zu reflektieren. Im Gegenteil: gerade weil wir so entsetzt sind und merken, dass und uns das berührt, gerade weil wir die Opfer anscheinend verstehen, so ist es doch gerade dann auch aus dieser sentimentalen Perspektive heraus ein erreichbarer nächster Schritt, Gewalt abzulehnen und ein Zeichen der Ablehnung der Gewalt zu setzen.

Und dann frage ich mich eben doch, ob das Singen der Marseillaise die angemessene Reaktion ist. Würde es nicht reichen, die Hymne zu spielen und eben gerade als Zeichen der Ablehnung der Gewalt den Text nicht mit zu singen? Vielleicht sogar soweit gehen, und ihn ab jetzt überhaupt nicht mehr zu singen, oder eben nur die friedliche Version, so wie sie nach dem deutsch-französischen Krieg von Lehrerverbänden in Umlauf gebracht wurde (Hervorhebungen auch von mir):

Wie? Diese immerwährende Vergeltung
zieht unser Schicksal in die Schwebe
Wie, immer die schrecklichen Schlachten
Die Plünderei, das Feuer und der Tod (2×)
Das ist zu viel, Jahrhunderte von Leiden,
von Hass und von vergossenem Blut!
Menschen, wenn wir es wollten,
können wir die Erlösung einläuten!

Viele denken vielleicht jetzt, dass es nur um die Hymne geht, aber der Komplex geht tiefer. Denn wenn wir dem so genannten Islamischen Staat wirklich etwas mit unseren westlichen Werten entgegensetzen wollen, dann sollten wir das in der Ablehnung von Gewalt tun und der Emanzipation von Exzessen, die auf kollektiver Führung und Verführung beruhen. Und da bildet der Nationalismus keine Ausnahme. Auch damals, zu jenen Tagen, auf welche die Marseillaise so stolz Bezug nimmt, war Paris ein Ort von Blutbädern, Köpfe sind geflogen, wurden aufgespießt, Chaos herrschte. Auch Befürworter der Franzöischen Revolution (zu denen auch ich mich zähle) gaben zu, dass die positiven Veränderungen in Gewaltexzessen gemündet sind, welche die Reformen in anderen Ländern eher verzögerten, denn vorantrieben.

Mit diesem Statement sollen die Anschläge nicht entschuldigt werden, und schon gar nicht die Tyrannei des Islamischen Staates. Nur sehe ich in Robespierre eben keine Alternative zu Baghdadi. Im Gegenteil: Der Terror in Paris hat doch eben auch gezeigt, dass das Problem zwei Dimensionen hat. Experten auf dem Gebiet warnen schon lange vor der Gefahr so genannter Rückkehrer und Fanatiker des Islamischen Staates. Der Islamische Staat ist eine externe Dimension, die wir momentan von außen nur schwer kontrollieren können. Doch gerade deswegen empfiehlt sich eben mehr und koordiniertere Polizeiarbeit in diese Richtung, die sich auf die Arbeit mit Menschen konzentriert. Und da kommen wir zu der internen Dimension des Problems, die für sich alleine sicherlich keine hinreichende, aber auch eine notwendige Ursache dafür ist. Auf einem früheren Blogeintrag habe ich im Zusammenhang mit der Snowdon-Affäre schon einmal darauf verwiesen, dass aller technischen Spielereien zum Trotz präventive Terrorbekämpfung nur mittels der Arbeit mit dem Menschen gewährleistet werden kann. Polizisten, welche die Bevölkerung kennen, über ihre Viertel bescheid wissen, können am besten beurteilen, wann von wo Gefahr ausgeht. Dazu ist jedoch eines ganz wichtig: Kontakt.

Nun ist die französische Gesellschaft jedoch schon lange gespalten. Es gibt Vororte, wo die Polizisten dann, wenn sie kommen, nur mit Hundertschaften hineingehen. Normalen Kontakt zwischen der etablierten Bevölkerung und den Menschen aus den Vororten gibt es schon lange nicht mehr. Grund: etnische Diskriminierung – was uns wieder zum Anfangsgedanken führt. Der Nationalismus und die mangelnde Bereitschaft, sich auf andere soziale Realitäten einzulassen, fördert Ausgrenzung und spaltet die Menschen. Dadurch wird die Arbeit mit den Menschen, und effiziente Polizeiarbeit auch schwieriger. Studien belegen, dass die ethnische Herkunft in Frankreich die Chancen des Zugangs zum Arbeitsmarkt a priori erschwert. Ist das wirklich nur der Sprache geschuldet? Viele Maghrebiner sprechen doch französisch. So sind die Ausgrenzungen eben doch in einer sozialen Kluft, die auf konstruierten Identitäten beruht, zu suchen. Und ich erinnere an die brennenden Autos von Paris im Jahre…wann war das nochmal?…2005 … das Problem ist doch schon seit zehn Jahren für Jedermann ersichtlich gewesen. Ich möchte in diesem Zusammenhang auch die Marseille-Triologie von Jean-Claude Izzo empfehlen. In seinen Werken werden die gesellschaftlichen Konflikte zwischen den ethnischen Gruppen, so wie sie in Frankreich schon lange präsent sind, anhand von Kriminalgeschichten aufgezeigt. Also sollten wir anfangen, an den Ursachen vor Ort zu arbeiten anstatt am fernen Horizont einen allmächtigen Feind zu projizieren, der so in dieser Form nicht existiert und dessen reale Ausprägung vor allem ohne die vielen Male, in der wir es vergaßen, vor unserer Haustür zu kehren, nicht zu verstehen ist. Wollen wir daher bitte jetzt nicht in die gleiche Hysterie verfallen, wie die USA vor fünfzehn Jahren !

Zum Schluss noch ein paar versöhnliche Worte: in den Nachrichten entsteht momentan trotz all des Terrorwahns noch nicht der Eindruck, dass ein “Clash of Civilizations” gerechtfertigt würde, es wird sehr wohl zwischen terroristischen Mördern und dem Missbrauch des Islams und der muslimischen Bevölkerung differenziert.

Wie gesagt: NOCH können wir verhindern, dass man in Europa die Fehlgriffe der USA wiederholt. Der Islamische Staat ist eine ideologische Bewegung, welche den Begriff des Islams missbrucht, um auf der Erde die Welt in schwarz-weiß, zwischen Gut und Böse aufzuteilen. Das ist das ziemlich klare Urteil von Autoren, die sich mit dem noch relativ jungen Phänomen ISIS beschäftigt haben. Wer jetzt antwortet, indem er zur Schlacht gegen den Islamischen Staat aufruft und die Welt zwischen Gut und Böse spaltet, der ist sich gar nicht bewusst, wie sehr er damit die Wünsche der IS erfüllt. In diesem Sinne:

Kühlen Kopf bewahren !

P.S. Hier noch ein Link zum Berichts einer der Autoren, die auf die ideologische Dimension der ISIS verweisen und vor einem direkten Eingreifen vor Ort warnen, da dies der  “Endzeit-Philosphie” des Islamischen Staates entsprechen würde.

“What ISIS really wants”

 

 

 

 

 

 

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