“Pegida nix gut” – eine Außenansicht

Es gab ein sehr spannendes sozialwissenschaftliches Experiment zum Thema Diskriminierung, mit aufrüttelnelnden Ergebnissen.

Einmal drehte man das “Spiel” der sozialen Rollen um, und Blauäugige finden sich gegenüber braunäugigen Mitbürgern in der Rolle der Diskriminierten. Ein Experiment, das sehr schön die Mechanismen von gesellschaftlicher Herabsetzung von Individuen veranschaulicht und zeigte, um eine der Teilnehmer zu zitieren, dass wir “noch längst nicht alle gleich sind”.

An dieser Stelle möchte ich mein Mitgefühl für die Flüchtlinge in Deutschland und den Rest Europas aussprechen. Ich verstehe ihre Situation und hätte an ihrer Stelle genauso gehandelt. Ich fremschäme mich für die fremdenfeindliche Atmosphäre, mit der unsere Mitmenschen außerhalb von Europas hier teilweise empfangen werden und drücke gleichzeitig meinen Respekt aus für jene freiwilligen (und beruflichen) Helfer, die sich engagieren, die sehr viel Zeit und Mut aufwenden, um den Alltag dieser Menschen in unseren Landen zu erleichtern, sei es durch materialle Unterstützung, Wohnungen, oder (was ich besonders wichtig finde, denn ich tue das im Ausland selbst und weiß, wie schwierig das ist), Sprachunterricht.

Mir ist es sehr wichtig, dies zu sagen, denn ich musste heute mit Entsetzen feststellen, dass einige meiner “likes” zu meinem Blog von Seiten kommen, die islamfeindlichen Inhalt haben. Ich distanziere mich hiermit ausdrücklich vom Inhalt dieser Seiten und betone mit Nachrdruck, dass ich die Meinung dieser Autoren nicht teile. Mein erster Gedanke war es, den Kontakt zu sperren, aber als Fan von Jürgen Habermas’s deliberativer Demokratie entschied ich mich für die Kraft des besseren Arguments und den Dialog, damit es später nicht heißt, hier würde “die Stimmen des Volks unterdrückt”. So kann alles bleiben, wie es ist, aber ich persönlich halte absolut nichts von einseitigen Perspektiven über komplexe Sachverhalte. Obwohl Immanuel Kant noch nie so ganz mein Fall war, so glaube ich doch, dass jeder Mensch die Fähigkeit hat, unabhängig von sozialer Herkunft, Bildung oder sonst jedweder Beeinflussung Schlussfolgerungen zu ziehen und in der Lage ist, vernünftig zu denken. Ich glaube daher an die Kraft des besseren Arguments in jeder Situation und begehe nicht den Fehler- wie Pegida und Konsorten – meine eigene Identität ausschließlich mit dem Fingerzeig auf Andere zu definieren. Also nochmal: Ich habe nichts zu tun mit dem islamfeindlichen Inhalt auf den Pages einiger der “likes” auf meinem Blog und ich kann auch nicht nachvollziehen, wie es dazu kommt, dass meine Seite solchen Personen gefällt.

Zur Information: Ich bin selbst Immigrant, als Deutscher wohne und arbeite ich in einem anderen Land, zahle dort meine Steuern und Sozialversicherung. Ich habe ausländische Arbeitgeber und setze mich mit kulturellen Differenzen (die ich nicht leugnen will) täglich auseinander und kann bestätigen, dass man, egal woher die Leute aus den anderen Ländern kommen und was das Problem war, bis jetzt immer eine Lösung gefunden hat. Mehr noch: kulturelle Vielfalt wirkt bereichernd auf den eigenen Verstand und die eigene Art zu denken, und sie hat auch positive Rückwirkungen auf die persönliche Wahrnehmung von Glück. Ich wohne seit Jahren schon im spanischen Granada und habe täglich mit muslimischen Mitbürgern zu tun und bin stolz, einige von ihnen als meine Freunde bezeichnen zu können. Ich persönlich gehe distanziert an religiöse Themen heran, doch lernte ich den Islam hier im spanischen Granada als tolerante, universalistische und integrierende soziale Kraft kennen und sehe überhaupt keinen Grund, diese Religion aus Europa auszuschließen.

Wohl aber sehe ich eine Gefahr in der strukturellen Vernachlässigung einiger Regionen, allen voran Andalusien und – auch dort habe ich mal gewohnt  und konnte sehen, was sich anbahnte – Ostdeutschland. Dennoch gibt es einen Unterschied: die Islamfeindlichkeit hält sich hier in Spanien in Grenzen, was daran liegt, dass hier viele Moslems wohnen und die Menschen hier wissen, wovon sie reden, wenn sie über den Islam reden. Ich nehme an, dass viele, die in Leipzig auf die Straße gehen und den Begriff der einst so würdigen Montagsdemos (ich rede von 1988/89) schänden, keine Ahnung haben, von was sie reden. Kommt mal hierher und schaut euch an, wie wir in Granada zusammenleben. Keiner von uns hat hier Angst vor einer Islamisierung, es ist eher umgekehrt: die traditionellen Werte der Religion gehen zugunsten westlicher Statussysmbole verloren. Wenn es eine Gefahr gibt, dann die Einstampfung kultureller Vielfalt durch die Konsumindustrie. Demonstriert doch mal dagegen!

Milunder. Granada. 3.11.2015.

—> hier gehts zur Doku –>

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