Mal was Anderes – eine Filmkritik !

Dibujo-de-Mothman

Nie hätte ich gedacht, einen Morgen, den ich eigentlich für die Arbeit reserviert habe, für eine Filmkritik zu vertrödeln. Dennoch: Nach einem Gespräch mit meinem Mitbewohner über Wunder und Religion haben wir uns am Freitag “The Mothman Prophecies” angeschaut, einen Film, der mein Gemüt in meiner Jugend wie kein Zweiter zu bewegen vermochte. Ich habe ihn schon x-mal gesehen und entdecke immer wieder etwas Neues. Enttäuscht musste ich jedoch beim Lesen der Kritiken feststellen, dass der Film von vielen Zuschauern nicht verstanden wurde. Also raffte ich mich auf, dem Meisterwerk durch eine Filmkritik auf Movieworld eine letzte Ehre zu erweisen. Am Ende ist dann doch mehr als eine Kritik herausgekommen. Die Gedankengänge würde ich daher gerne teilen.

Hier der Text auf Moviepilot, mit einigen ortographischen Änderungen:

Beim Lesen der Rezensionen von “The Mothman Prophecies” ist mir aufgefallen, dass vor allem enttäuschte Zuschauer gewisse Erwartungen an den Film hatten, die letztlich nicht erfüllt wurden. Und das stimmt. Wer eine kontinuierliche Zelebration des Sterbens von Einzelpersonen in abstrusesten Situationen a la Final Destination oder verwirrte Kinder erwartet, die an der Decke ihrer Schule die gehängten unsichtbaren Leichen des amerikanischen Bürgerkriegs zählen wie in “Sixth Sense”, dem wird dieser Film mit Sicherheit nicht gefalllen. Auch erhebt sich am Ende kein UFO aus dem antarktischen Eis und fliegt davon. Der Film bleibt trotz seines Bezugs auf die Anderswelt auf der Erde. Und das ist auch gut so.
Die Frage ist letzten Endes, was man unter “Mystery” versteht und auf was sich dieses Genre bezieht. Viele Kommentaristen analysierten den Film auf der Basis des mit dem “Mystery-Etikett” schon vorhandenen, umhergeisternden Filmmaterials, um daraus zu schlussfolgern, was ein Mysteryfilm zu sein hat und wie “The Mothman Prophecies” nach den Kriterien dieser fiktiven “Vorgänger” zu beurteilen ist. Das ist ein Fehler. Viele der Zuschauer, die in den Mottenmann Prophezeihungen nur einen “soliden Mysterythriller” sehen, kommen zu ihren Schlussfolgerungen, weil sie ihre Meinungen ausschließlich aufgrund des Konsums von Filmen aus diesem “Genre” entwickeln. Und deswegen rate ich jedem ab, von diesem Film etwas zu erwarten, was er nicht leisten kann und auch nicht soll. Weder gibt es eine pseudowissenschaftliche Erklärung für die Ereignisse wie es in Akte X selbst bei noch so abartigen Schöpfungen geschah, noch bereitet sich die Prophezeihung ihren Weg in die Wahrnehmung ihrer auserwählten Personen durch ein Leichenfeld wie in Final Destination. Die Mothman Prophezeihungen ist einer der wenigen Filme, welcher sogenannte fortianische Phänomene, zu denen auch der Mothman gehört, und ihre Interaktion mit der Realität richtig erfasst und dazu noch spannend aufbereitet ohne sich dabei im Sci-Fi-Himmel zu verlieren.
Ich habe mich mit der Thematik des Mottenmannes schon lange vor dem Erscheinen des Films beschäftigt und auch selbst in diesem Bereich geforscht. Dadurch wurde ich vom Befürworter zum Skeptiker. Was bleibt ist eine Kenntnis von parapsychologischen Phänomen und der Dynamik von sozialen Prozessen, die sich um als “anormal” entartete natürliche Ereignisse aufbauen kann und in zunehmender Weise die Wahrnehmung der Personen bestimmen, welche dann zu “Zeugen” werden. Wer wissen will, wie das passiert, sollte einmal Ulrich Magins Artikel zur “Genese des Loch Ness Monsters” auf Kryptozoologie-Online lesen. (http://www.kryptozoologie-online.de/dracontologie/susswasserkryptide/lnm-genese-des-loch-ness-monsters-1933-1934.html) Damals, als der Film herauskam, war ich noch ein begeisterter Anhänger von einer “Wahrheit irgendwo da draußen” und habe diesen Film verständlicherweise geliebt, nein, es war DER Film meiner Jugend. Im Laufe meiner Nachforschungen und meines Kontaktes mit vielen offiziellen Organisationen, die in der Lage waren, irdisch-rationale Erklärungen für diese Sichtungen finden, wurde ich zum Skeptiker. Heute, zwölf Jahre nachdem ich im Kino den Film das erste Mal gesehen hatte, gefällt mir der Streifen immer noch, als Skeptiker. Es ist der erste wirkliche Mystery-Thriller, weil er den Konflikt aufzeigt, vor dem Personen stehen, die so genannte parapsychologische Phänomene wahrnehmen. Interessant ist, dass in Augen von einigen Leuten der Film sogar offen lässt, ob diese Mottenwesen tatsächlich intervenieren oder alles nur in den Köpfen der Menschen passiert. Es wundert mich, dass viele Zuschauer den zweiten Teil des Films nicht verstanden haben, zeigt er doch die subjektive Wahrnehmung dieser Ereignisse, der in Richard Gere’s Besessenheit mit seiner verstorbenen Frau Mary gipfelt, welche ihn fast wahnsinnig werden lässt. Der Film erfasst mit einer tiefsinnigen Schärfe besser als jeder Andere den Konflikt zwischen uns als Menschen und einer Welt, die wir nicht erfassen können, einen Komplex, einer Kakerlake gleich der Intervention anderer höher entwickelter Wesen ausgeliefert zu sein. In seiner Schlussfolgerung rät er uns, keine Gedanken an die Beweisführung von fortianischen Phänomenen zu verschwenden und die Botschaften des Mottenmannes, sofern sie real sind, zu ignorieren, denn wir können sie eh nicht beeinflussen. Am Ende reist Richard Gere das Telefonkabel aus der Wand und macht damit alles richtig, wenn er die Botschaften der vermeintlichen Anderswelt aus seinem Kopf verbannt. Damit fängt er wohl unbewusst die Auffassung vieler Religionen auf, wo ebenfalls davon abgeraten wird, Erklärungen für Etwas zu suchen, was nicht erklärt werden kann und normale Menschen damit wahnsinnig werden lässt (Zitat von Jesus: “Mein Reich ist nicht von dieser Welt…”)
Dennoch: sollte es höher entwickelte Wesen geben und die versuchen, den Menschen zu beeinflussen, dann beschreibt der Film auf spannende Weise eine Möglichkeit, wie so eine Interaktion aussehen könnte. Ich kann nicht nachvollziehen, wieso Kommentare die Erklärung des Forschers Leek nicht zufriedenstellt, das ist eine erstklassige Erklärungsweise, zeigt sie doch, dass diese Wesen NICHT allmächtig sind und diese Interaktion imperfekt ist, d.h., wir als Menschen die Botschaften nicht verstehen können, weil “ihre” Realität unser Wahrnehmungsspektrum übersteigt. Dadurch wird auf geniale Weise eine aus mensclicher Perspektive rationale Erklärung für ein Phänomen geleifert, das aufgrund seiner Natur für sich selbst jedoch weder rational noch übernatürlich ist.
Das Schöne, was sie Handlung dazu beisteuert, ist, dass es sich um normale Personen handelt, es wird bewusst nichts Zwischenmenschliches überzogen, auf Klatsch und Tratsch wird gänzlich verzichtet, die gezeigten sozialen Interaktionen auf das Nötigste beschränkt, aber trotzdem subtil alle zwischenmenschlichen Beziehungen der Hauptpersonen vermittelt, sei es die Liebesgeschichte zwischen Conny und Reporter Klein oder sei es die Freundschaft zwischen Letzerem und Gordon, der sich zunehmend von seiner eigenen Frau entfremdet, bis sie ihn schließlich verlässt. Die Beziehungen der Menschen könnten sich in jedem Dorf der Welt so ereignen, die Nähe zu unserem Alltag bleibt stets erhalten. Gelungen ! Dadurch bleibt der Film immer mit der Realität verbunden und schafft somit in einer guten Stunde das, was selbst die beste Mysteryserie aller Zeiten, Akte X, in neun Staffeln in keiner Minute auch nicht nur annähernd so glaubwürdig zu vermitteln vermochte – selbst wenn ihr Autor Chris Carter genau zu diesem Zweck die Dialektik von Mulder & Skully als Grundbaustein seines Drehbuchs entworfen hatte.
Der Vergleich mit Akte X macht auch deutlich, warum die Mothman Prophezeihungen nicht den gleichen Erfolg haben können. Während Akte X stets ein Kunstprojekt gewesen war, das zwar originell und auf dem ersten Blick realistisch auftrat, aber stets die Erwartungen seiner Zuschauer durch das in jeder Folge unvermeidliche “Monster of the Week” zu internalisieren vermochte, bleiben die Mothman Prophezeihungen auf dem Boden, sie zeigen, wie es ist, wenn man paranormale Phänomene wahrnimmt. Man unternimmt eine Reise in den Kopf des Beobachters ohne dass dabei jemals klar wird, ob es mehr als diese Wahrheit im Kopf gibt. Dort, wo Akte X in dieser Welt beginnt, mit einem Mord und einem Verdächtigen, zeigt sich der Mothman der dem Tode geweihten Frau, um dann allerdings gänzlich aus dem Film zu verschwinden und die Menschen auf dem Boden der Tatsachen zurückzulassen. Bei Akte X geht es anders herum, die Ermittler werden von der realen Szenarie in das Paranormale geführt und mit jedem Monster wachsen auch die Erwartungen an das Nächste. Während Akte X aufgrund dieser Abhängigkeit von der wachsenden Erwartungshaltung gegen Ende der Serie hin immer unrealistischer wurde und sich spätestens ab Ende der siebten Staffel endgültig in eine Sci-Fi-Utopie flüchten musste, kommen die Menschen in den Mothman Prophezeigungen nach dessen Erscheinen im Lauf des Films auf die Erde zurück bis zu dem Punkt, in dem dieses Wesen ganz aus West Virginia verschwindet. Man ist wieder dort, wo man am Anfang war, so als wäre nichts geschehen. Das Ergebnis ist eine Verfilmung fortianischer Phänomene, die im so genannten Mysterygenre Ihresgleichen sucht, ja meiner Meinung nach sogar mit Akte X zusammen als dessen Counterpart die Kriterien für alle anderen Mysterithriller aufstellen sollte. Während Akte X zeigt, wie man die Mysterythematik auf spannende Weise über Jahre hinweig an ein breites Publikum bringt, bleiben die Mothman Prophezeihungen ein Film für Jene, die sich wirklich für diese Phänomene interessieren, Phänomene, die für Nicht-Interessierte “dramaturgische Klischees” bleiben mögen, aber dennoch auf ihre Weise Teil der subjektiven Realität vieler Menschen formen. Der Film veranschaulicht meiner Ansicht nach völlig realistisch, wie außerhalb der Objektivität angesiedelte Einheiten trotz ihrer irrationalen Natur so nachhaltig die Handlungen der Menschen bestimmen, die dann rückwirkend durch ihr Handeln die Realität selbst redefinieren und dadurch neu konstituieren. Dadurch ergeben sich Schlussfolgerungen für das Zustandekommen von Religionen, Verschwörungstheorien und Mythen, die vor allem in der heutigen Zeit mehr denn je den eigentlich rationalen Diskurs unserer Lebenswelt einfließen, ob wir wollen oder nicht. Der Film liefert Antworten, wie wir damit umzugehen haben. Das ist weit mehr als ein “solider Mysterythriller”, der Streifen vermittelt die Essenz des Genres!

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