WM 2014 – Muss es wirklich immer Deutschland sein?

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Es war kein normaler Freitagnachmittag. Nicht für mich. Es war Tag nach dem ersten Spiel der Fußball-WM, ein Ereignis, auf das ich seit vier Jahren gewartet habe. Wie immer. Für mich persönlich ist dieses Turnier sehr wichtig. Die Spiele geben einem Zeit, mal abzuschalten und in ein Paralleluniversum einzutauchen, in eine Welt, in der die Welt nicht ist, wie sie ist. Die Welt da draußen existiert natürlich weiter, das ist klar. Und auch in Zeiten des Fußballfibers darf man sie nicht vergessen. Doch sind die Spiele an sich etwas Schönes, auf das ich mich jedes Mal freue. Das Turnier an sich wird in meiner Familie seit jeher euphorisch gefeiert, Kindheitserinnerungen kommen wieder. Plötzlich ist man wieder sieben und sitzt mit Papa auf der Ofenbank seiner Oma (die auf einmal wieder lebt) und bekommt die Regeln von Fußball erklärt. Wenig später ist man 12 und sitzt mit Roberto Carlos-Trikot vor dem Fernseher, wo es 4 : 1 für Brasilien gegen Chile steht. Dann hat man eine wichtige Prüfung und geht zum Baggersee, um etwas zu trinken, denn Physik hat es bekanntlich in sich. Und später die Spiele. Dennoch ist man traurig, weil der Lieblingsspieler des Turniers, Jay Jay Okocha, mit seinem Team die Heimreise antreten muss. Abends hört man “In Extremo” und geht auf die nächstbeste Party im Nachbardorf. Das alles hat früher zwölf Jahre gedauert und geschieht nun in Sekunden. Alle Erinnerungen sind noch da, alle Spieler kennt man noch. Jedes Ergebnis, jeden Spielzug, jeden Torwart. Und alle Anderen auch. Lauthals verstrickt man sich wieder in Diksussionen, welche Selektion wohl die Beste sei, warum in diesem Turnier Italien und in einem Letzten Brasilien gewonnen hat. Der Alltag fern, weit weg. Und man ist wie in Trance und meistens nicht einmal betrunken. Fußball kann so etwas Schönes sein. Und selbst wenn die Begleitumstände von dieser WM nicht die Besten sind, so ist das Turnier an sich eine tolle Sache: Im Vergleich mit den barbarischen Gladiatorenkämpfen zu Cäsars Zeiten ist es doch ein bemerkenswerter zivilisierter Fortschritt für die gesamte Menschheit, wenn aus der ganzen Welt im Namen des Turniers gegen Rassismus und zu Toleranz aufgerufen wird. Soziale Proteste hin oder her.

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Doch mein Anliegen für diesen Artikel sind aber heute nicht die sozialen Proteste in Brasilien, selbst wenn diese natürlich wichtig sind. Der Grund für mein Schreiben ist jener besagte Freitagnachmittag. Ich war wie immer im WM-Fieber. Und natürlich habe ich versucht, meine Arbeitskollegen anzustecken. Wie immer klappt das bei manchen besser, und bei Anderen schlechter. Eine sehr nette Kollegin unterhielt mit mir länger über das Turnier. Am Anfang gab es eine fröhliche Atmosphäre, meine Augen leuchteten als ich von meiner Feierlaune am vorangegangenen Abend berichtete. Dann konnte ich nicht mehr anders und musste es einfach sagen. So wie immer: Es war so, als säße ich wieder auf dem Ofen von meiner Oma: “Ich bin nicht für die deutsche Nationalmannschaft. Meine Favoriten sind die afrikanischen Teams. Schon immer. Ich weiß nicht warum, aber die mag ich am Liebsten” Daraufhin kippte das Gespräch. Sie schaute mich an, als käme ich von einem anderen Planeten. Und dann verzog sie das Gesicht und ermahnte mit einem pädogischen Unterton: “Peter, das ist sehr komisch, das weißt du, oder? Das ist wirklich sehr sehr komisch.”

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Und auf einmal fühlte ich mich diskriminiert wie noch nie in meinem Leben. So muss es wohl einem Schwulen gehen, wenn er gesteht, dass er auf Männer steht. Oder einer Frau, wenn sie nicht auf Männer steht. Für mich war es bis jetzt ganz normal, dass ich nicht für Deutschland bin. Was heißt, nicht für Deutschland…?..ich euphorisoere nicht zwangsweise und vor allem nicht, weil ich Deutscher bin, immer gleich mit meinem Team. Das ist für mich befremdlich. Im Gegensatz zu Vielen schaue ich nicht regelmäßig Bundesliga, mein Verein ist klein und ich habe zu den meisten Spielern kein Bezug. Es war und ist selbstverständlich, dass ich entweder für Nigeria, die Elfenbeinküste, Ghana oder Kamerun bin. Warum? Weil ich ihren Fußball geil finde, wenn sie richtig aufdrehen. Ist einfach so: ist spannend, sieht cool aus, frech und die Spieler sind mir sympathisch. Die Präsentation der Teams spricht mich an, hat irgendwas von Punk. Früher war niemand von meinen Freunden für Deutschland. Einer von uns brachte es einmal auf den Punkt: “Es ist wie mit Sekt. Ich probiere es, aber es schmeckt mir nicht. Ich kann mich einfach nicht begeistern.” Dann kam die WM 2006. Und es war nichts mehr so wie früher.

Es war zweifellos ein denkwürdiges Ereignis, die Welt zu Gast bei Freunden zu haben. Auch die Tatsache, dass nicht nur die US-Amerikaner, sondern auch wir unsere Flagge aus dem Fenster hängen durften, war irgendwie witzig. Die Aktion mit den Fahnen war spontan, ehrlich und einmalig, eine Erinnerung an ein großes Ereignis. Ohne Zweifel hat die WM das Image Deutschlands im Ausland aufpoliert und darauf können wir stolz sein. Doch gerade eben, weil es NICHT politisch war. Dann kam die Zeit nach der WM. Seitdem ist es ein “Muss”, als “Patriot” für Deutschland zu sein. Viele meiner Freunde schwenkten um. Wenige ließen ihren individuellen Präferenzen im Fußball noch freuen Lauf. Die deutsche Elf hat sich ab 2006 verbessert, das ist klar. Man kann ihr mittlerweile zuschauen, wenn sie spielt. Die jungen Spieler zeigen keine Stinkefinger mehr ins Publikum wie einst und gewinnen spielerisch mit sehenswerten Toren statt nach 120 Minuten Langeweile im Elfmeterschießen. Logisch, dass man so neue Fans gewinnt. Deswegen muss diese ganze Angelegenheit aber noch lange nicht politisch sein. Und das haben bis heute viele nicht verstanden. Und der Fisch stinkt vom Kopf her. Unsere liebe Kanzlerin packte 2008 dann auch pünkltich zur Europameisterschaft die “Patriotismusfloskeln” aus. Die Nationalelf wurde zum Zeugen für ein “neues Deutschland”. Die Fanmeile am Brandenburger Tor bildet den Abschluss einen geschichtlichen Serie aus der Schmiede Guido Knopp über “die Deutschen”, als friedliche Versöhnung der Welt nach der Nazizeit und DDR-Diktatur. Und plötzlich müssen wieder alle mitmaschieren. Seit 2006 ist es offenbar ein “Muss”, in jeder WM für Deutschland zu sein. Jeder Einzelne “muss” seine persönlichen Präferenzen dem Kollektiv unterordnen. Und wer nicht will, der gehört nicht mehr dazu. Eine Vergangenheit, in der es viele Menschen gab, welche mit anderen Teams sympathisierten, will keiner mehr kennen. Dabei vergisst man eines: Es war die Welt, welche “zu Gast bei Freunden” war und nicht die Freunde, die zur Welt wurden. Das Sommermärchen war ein Sommermärchen, weil wir eins mit der Welt waren und eben NICHT die Klischees erfüllt haben. Der deutsche Fußballfan wurde 2006 als unpolitisches, gastfreundliches und relaxtes Individuum wahrgenommen, das in der Weltöffentlichkeit durch diese Offenheit einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat. Teilweise ist es auch heute noch so, doch es ist auch nicht von der Hand zu weisen, dass der Fußball stärker als je zuvor nach 2006 wieder zu einem Politikum geworden ist. Das widerspricht der Essenz des Fußballs als Ausdruck einer neutralen Menschheit.

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Es gibt Studien, welche den Fußball aufgrund seiner Unberechenbarkeit und Teamnotwendigkeit als Spiegel einer demokratischen Gesellschaft interpretieren. Und tatschlich: Bei der Fußball-WM handelt es sich um politisch neutrale Spiele fairen Wettkampfs basierend auf dem Prinzip von Toleranz und Weltoffenheit sollten, welcher die “Dark Ages” von Nationalismus und Imperialismus überwunden hat. Hegel dachte wohl kaum an die Fußball-Turniere des 21. Jahrhunderts, als er die Vollkommenheit des Individuums im Staate durch eine apolitische Haltung prognostizierte, lösgelöst von ideologischer Verführung und dennoch eins mit der Welt um sich. Das Individuum macht auf dem langen Weg zu sich selbst einen schwierigen Prozess durch, getrieben von der inneren Unruhe nach Anerkennung und gebremst durch die äußeren Umstände kommt es schließlich zu einer Tätigkeit, in der es sich selbst verwirklicht und gleichzeitig durch seine Spezialisierung zum Gemeinwohl beiträgt. Oberstes Gebot ist dabei die Vielfalt ohne welche der Gesamtkörper nicht funktonieren kann. Was hat das mit Fußball zu tun?

Die Existenz eines Turnier wie diesem zeigt eine Welt, in der Politik keine Rolle spielen darf, weil sonst das Prinzip der Gleichheit und Toleranz verletzt werden würde. Im Klartest bedeutet das, dass jeder Zuschauer sich von seinen inneren Gefühlen leiten lassen sollte, mit wem er sympathisiert. Der Kontext beeinflusst natürlich diese Grundhaltung. Wenn jemand die ganze Zeit Bundesliga schaut, zu seinem Verein (sei es Bayern München oder Borussia Dortmund) eine Beziehung aufgebaut hat und an seinen Spielern hängt, ist es natürlich logisch, dass er die deutsche Mannschaft bevorzugt. Es ist auch nicht verwunderlich, dass in Deutschland jene Menschen mit Präferenz für die Nationalelf in der Mehrheit sind. Aber die Mehrheit sind nicht Alle. Versteht mich nicht falsch, es ist vollkommen legitim, dass der Fußball die Deutschen zusammen bringt und man zusammen feiern kann. Wie eine Erlösung schienen die Spiele damals 2006 über die von Alltagsstress und Narzismus gepeinigten deutschen Seelen zu schweben und das war gut so. Es war das gute Recht der Fans, sich von ihrem “Spirit” aus Politik, Wirtschaft und Arbeitswelt für eine Weile entführen zu lassen, um bei “ihren Jungs” zu sein. Nur sollte man dabei im Augen behalten, dass das nur so schön ist, weil es ganz im hegelschen Sinne eben NICHTS mit Politik zu tun hat. Auch ich habe voller Stolz die drei Farben auf meiner Wange nach dem Spiel gegen Argentinien getragen, weil ich Respekt davor hatte und es kaum glauben konnte, dass Klinsmanns Elf nach einem 1 : 0 Rückstand gegen eine damals unglaublich starke Mannschaft das Ruder noch rumreißen konnte. Es war einfach schön, das mit so vielen Leuten feiern zu können und alle waren glücklich. So ging es mir teilweise auch wieder 2008.

…und vielen anderen Fans auch, wie man sieht 😉 …
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Doch gibt es eben fußballerische Momente, die für mich mehr bedeutet haben. Zum Beispiel als Senegal Frankreich geschlagen hat. Oder Nigeria Spanien. Vor allem bei Senegal hat mich der freche und jugendliche Auftritt bei der WM 2002 aus den Socken gehauen und ich wurde süchtig nach diesem Team. Es war einfach etwas Anderes. Und dann, 2010 mit Ghana war es wieder so, acht Jahre später, als wäre seitdem keine Zeit vergangen. Es sind innere Emotionen, welche eine derartige Einstellung bestimmen und ich bin nicht allein mit meinen fußballerischen Sympathien für die Afrikaner. Natürlich nicht von vornherein, aber sie sind die Einzigen, die mich immer wieder von Neuem einfangen. Kein Team konnte so viele Emotionen bei mir wecken wie Senegal oder die Elfenbeinküste in ihren guten Momenten. So war es auch diesen Samstag wieder, als Didier Drogba mit der Elfenbeinküste das Spiel gegen Japan drehte und ein Rausch durch das Stadion glitt als wären tatsächlich übersinnliche Kräfte am Werk. Jeder hat seinen eigenen Weg des fußballerischen “Spirit” und was für den einen Thomas Müller oder Schweini ist, ist für den Anderen Didier Drogba. Ich sehnte mich schon als Kind nach Afrika und baute während meinem Studium mein Interesse dafür aus. So ist es eben mit persönlichen Präferenzen und Geschmäckern. Und deswegen bin ich eben nicht komisch, sondern bringe nur meinen sportlichen Geschmack in der Postmoderne zum Ausdruck. Und diese Postmoderne ist keine kollektive Identität mehr, sondern eine individualisierte Gesellschaft.

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Vor 2006 hatten viele meiner Freunde ihre persönlichen Favoriten. Es war nicht einfach klar, dass man für Deutschland war. Die Nation hat nicht das Recht, über den Präferenzen des Individuums zu stehen. Die Stärke einer Nation misst sich an ihrer Flexibilität gegenüber individuellen Geschmäckern, wodurch die Loyalität zum Staat langfristig gesichert wird. Eine Nation ist stark, wenn sie ihre Bürger entnationalisiert. Das beweist niemand besser als unsere eigene dynamische Nationalmannschaft, in der mittlerweile viele verschiedene Nationen vereint sind. Die junge Dynamik lies sie viele Fans in aller Welt gewinnen. Viele Spanier sind für Deutschland und es ist ganz normal. Wieso kann ich als Deutscher dann nicht für die Elfenbeinküste sein? Es schmerzt mich, wenn mir jemand sagt, dass ich meine persönlichen Geschmäcker einem kollektiven Identitätsbewusstsein unterzuordnen habe. Die Nationalelf ist nicht mein bevorzugtes Team und ich sehe nicht ein, so einen schönen Sport wie den Fußball mit Fragen wie politischer Identität oder Nation zu verknüpfen, vor allem weil Begriffe wie Nation heutzutage mehr denn je auf tönernen Füßen stehen. Denn das Europa bvon heute esteht aus Verfassungsstaaten geleitet vom Prinzip der privaten Autonomie.

Am selben Freitag abends im Kebabladen in Spanien mit meinem türkischen Kumpel. Manchmal reden wir deutsch und das viel einem Mädchen auf, das mit einer Gruppe Betrunkener hereinkam und über Fußball diskutierte. Ihr Freund schien Brasilianer zu sein, denn sie diskutierten über die Schummelei des Schiedsrichters. Wir fingen an, mitzureden. Irgendwann gab sie sich als Deutsche zu erkennen und fragte mich, ob ich denn am Montag bereit für Deutschland sei, was ich verneinte. Sie war fassungslos. Fast schon traurig. Sie fing schon an, mir Leid zu tun. “Das kannst du nicht tun. Du musst. Du musst … du musst” ….sagte sie…ihr Freund daraufhin besorgt zu mir: “Magst du denn Deutschland nicht?”, worauf ich entgegnete, dass ich Deutschland sehr wohl mag, aber die Verfassung meines Landes mir die Möglichkeit gegeben hat, zu entscheiden, was ich in meinem Privatleben will. Und genau deswegen ich Deutschland mag. Mein türkischer Kumpel brandmarkte mich danach lachend als “Landesverräter”, ein Landesverräter, der es ist, weil er nach der Verfassung lebt.

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In diesem Sinne schicke ich präventiv eine Message an Alle raus, die meinen, mir vorschreiben zu können, wessen Flagge ich dieses Mal schwenken soll: Wer glaubt, Sport als verlängerten Arm der Politik zu betrachten und die Leistungen von Sportmannschaften als Ausdruck der nationalen Stärke fehlinterpretiert, der weiß gar nicht, wie sehr er damit die Prinzipien des Sommermärchens verrät.

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