Staatsterrorismus und die Genese des kolumbianischen Konflikts – ein Nachtrag zum Thema “Geheimarmeen”

Die offizielle Lesart des kolumbianischen Konflikts interpretiert die paramilitärischen Schutztruppen als Antwort auf die Bedrohung linksterroristischer Guerrillabewegungen, für welche die einstmalige Ideologie nur noch Fassade ist und der es in Wirklichkeit um die Kontrolle im Drogenhandel geht. Ein Beispiel zeigt diese etwas reißerisch aufgemotzte Dokumentation, welche die Massaker paramilitärischer “Schutztruppen” zwar verurteilt, jedoch einen völlig falschen Ansatz zur Entstehung des paramilitärischen Systems als private Rachearmee eines hilflosen Staates vertrat bis Hardliner Álvaro Uribe Vélez, ehemaliger Präsident von Kolumbien, durch seine Großoffensive gegen die FARC und die “Einladung” der Paramilitärs zur Demobiliserung das Land für immer und ewig verändert hat:

Dem ist nicht so. Man muss schon tiefer in die Geschichte Kolumbiens eintauchen, um die Komplexität des Konfliktes zu verstehen. In meiner Magisterarbeit habe ich das ein halbes Jahr getan. Zwar ist der Einfluss des Drogenhandels in der Dynamisierung der Gewalt und der Internationalisierung nicht von der Hand zu weisen, jedoch gab es schon lange vor des exzessiven Kokaanbaus tiefe Risse in einer von sozialer Ungleichheit charakterisierten Gesellschaft, die sich schon früh in einem blutigen Bürgerkrieg gezeigt und das Entstehen von systemfeindlichen Guerrilla-Gruppen begünstigt hat. Paradoxerweise geht es in Kolumbien weniger um das Entstehen eines politischer Institutionen, welche dem Anspruch eines politischen Systems der Demokratie gerecht werden als viel mehr um den Zugang zu diesem System, der seit jeher hart umkämpft wurde und sich nur langsam für andere Gruppen öffnete. Lange teilten sich die zwei führenden Parteien, die liberale Partei und die konservative Partei, ehemalige Kontrahenten im Bürgerkrieg, die Stimmen unter sich auf. Einen wahren Pluralismus der Interessen gab es nicht. Schon früh wurden von den Eliten Schutztruppen eingesetzt, um die Macht im Staat zu behalten und schon früh gab es Verbindungen zu den USA, welche nicht am Erstarken linker Guerrillas interessiert waren. Todesschwadrone, erst später finanziert durch Drogenhändler, sollten die linke Opposition “unschädlich” machen. Wenn es Demobilisierungsprogramme für Guerrillas gab, welche in der Gründung neuer Parteien endeten, wurden die Demobilisierten von rechten Paramilitärs umgebracht, so zum Beispiel geschehen mit der Unión Patriota Ende der 1980er Jahre. Die Realität hinter dem Konflikt ist eine Andere als die heute gängige Interpretation: Die Guerrillas sind eine Reaktion auf die Paramilitärs und nicht umgekehrt. Es steht außer Zweifel, dass die linken Guerrillas – allen voran die FARC – Menschenrechtsverletzungen begangen haben und in den Drogenhandel verstrickt sind und de facto die Legitimität im Volk verloren haben, doch sollte man mit Blick auf die Zukunft nicht zu optimistisch sein. Der Konflikt in Kolumbien wird weiter bestehen, vielleicht mit anderen Akteuren, aber die Ursache des Problems wurde niemals effizient bekämpft. Das ist auch während der Präsidentschaft des Uribe nicht geschehen. Im Gegenteil: Menschenrechtsverletzungen der Regierungen werden dazu beitragen, die Gewaltspirale in toxischer Mischung mit dem Drogenhandel auch weitehrin aufrecht zu erhalten. Die Guerrilla wird auch weiterhin in den Reihen Entrechteter willige Rekruten finden, selbst wenn die Methoden ihrer Kriegsführung sich definitiv geändert haben. Das ist eine Zusammenfassung meiner Magisterarbeit, doch selbst ich habe die tragende Rolle der USA in der Genese und Internationalisierung der kolumbianischen Krise nicht in dem Maße angenommen wie es der Autor José Manuel Martín Medem in seinem Buch “Colombia feroz. Del asesinato de Gaitán a la presidencia de Uribe” schildert. Klar und nachvollziehbar erläutert Medem die Genese der kolumbianische Krise in einem Interview in HispanoTv her und kommt zu dem Schluss, dass Uribe zusammen mit den Paramilitärs als Henker kolumbianischer Oligarchen gleichzeitig den Interessen der heimischen Wirtschaschaftselite und Militärs um den heutigen Präsidenten Santos sowie ihren Pendanten in Washington in die Hände spielte und damit eine uralte Allianz mit neuem Leben erfüllte, welche seit geraumer Zeit in ganz Lateinamerika die gesellschaftliche Entwicklung negativ beeinflusst hat. Wer interessiert ist an die etwas andere Sichtweise über den kolumbianischen Konflikt, der sollte folgendes Interview keinesfalls verpassen:

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