“Wir machen den Weg frei” – Geheimarmeen der NATO

Es scheint auf dem ersten Blick nicht wirklich brisant: Geheimdienste des Westens bereiten sich auf ein “Worst Case-Szenario” vor. Im Falle eines sowjetischen Angriffs werden in ganz Europa so genannte “Stay Behind – Truppen” stationiert. Stay Behind-Truppen bezeichnen paramilitärische Einheiten mit Verbindungen zu den offiziellen Streitkräften, in das auch unbeteiligte Zivilisten einbezogen werden, um in aller Heimlichkeit als Kämpfer auszubilden, damit sie im Ernstfall einer feindlichen Invasion Sabotageakte gegen die Infrastruktur der ungebetenen Gäste in der besetzten Heimat verüben können. Dafür werden in verlassenen Landstrichen Waffendepots angelegt, von denen nur Eingeweihte etwas wissen. An und für sich eine logische Initiative anhand der militärischen Bedrohung direkt vor der Haustür. So haben auch beide Kontrahenten des Kalten Krieges ihre paramilitärischen Sabotageeinheiten in der Bundesrepublik “in Betrieb”.
Es mag wohl auf die “auserwählten” Zivilisten auch einen gewissen Charme ausgeübt haben, plötzlich zu einem geheimen Netzwerk zu gehören und “an etwas Großem” dabei zu sein, indem sie die Sicherheit des Landes verteidigen, ein zweites Leben neben ihrem zivilen Dasein pflegen. Initiator auf der westlichen Seite ist (wie sollte es anders sein 😉 ) der US-amerikanische Auslandsgeheimdienst CIA. Die CIA arbeitet mit den Militärs der aliierten Verbündeten zusammen und oft ohne dass ihre Minister der Regierungen darüber informiert werden.

Soweit die harmlose Lesart. Doch die Angelegenheit ist etwas komplexer. So sind vor allem in der Anfangsphase viele “Auserwählte” in Deutschland ehemalige Mitlgieder der SS oder der Wehrmacht und als Träger des NS-Regimes glühende Antikommunisten, welche zu “ihrer” Zeit im Bereich der Auslandsspionage tätig sind. Das prominenteste Beispiel ist wohl Reinhard Gehlen, ehemaliger Leiter der Abteilung “Fremde Heere Ost” als Generalmajor der Wehrmacht und nach dem Krieg erster Präsident des Bundesnachrichtendienstes. Er war für die ersten Einrichtungen dieser Stay Behind- Einheiten zuständig, von denen nicht wenige selbst Nazis waren. Der Rechtsextremismus verschwand natürlich nicht von einem Tag auf den anderen, viele Träger des vorangegangenen Regimes blieben ihrer Ideologie auch nach Ende des Weltkriegs treu. Die CIA erkannte in ihnen ein willkommenes Werkzeug für den systematischen Aufbau von antikommunistischen Zellen, welche – mit Waffen, Know-How und Vertrauen der aliierten Besatzer ausgestattet – den Sowjets im Falle eines Einmarschs das Leben schwermachen sollten. Später, als die Sache dann schon ins Rollen gekommen war, sprach man auch Zivilisten an, die dann in die besagte Undercoverarbeit eingespannt wurden. So wurden nicht nur Rechtsextreme, sondern auch demokratisch Gesinnte Ottonormalverbraucher in das Programm eingezogen, gerade weil ihre Unauffälligkeit den Geheimdiensten von Nutzen war. Das Problem an der Sache: es besteht der Verdacht, dass der militärische Arm dieser Zellen sich verselbstständigte und auch gemäßigte Sozialdemokraten als Staatsfeinde betrachtet wurden.

Die Entwicklung der Stay-Behind-Organisationen verlief in den europäischen Ländern unterschiedlich ab. Ein Beispiel für extrem gewalttätige Auswüchse ist die italienische “Gladio” zur Abwehr kommunistischer Parteimitglieder und Gewerkschaftler, welche in den 1980er Jahren durch Anschläge in öffentlichen Gebäuden regelrechte Blutbäder anrichteten. Es wird vermutet, dass diese Anschläge bewusst die Aufmerksamkeit der Bevölkerung auf den linken Terrorismus lenken, um sie so antikommunistisch zu konditionieren. Schwer wiegt bei diesen Fällen jedoch, dass es tatsächlich Hinweise auf Geheimdienstkreise als Auftragsgeber gibt, wodurch diese Anschläge eine völlig andere Dimension bekommen. Ähnlich verhält es sich auch bei dem Anschlag eines Neonazis auf dem Münchner Oktoberfest 1980, der offenbar keine Tat eines Einzeltäters gewesen ist, sondern ebenfalls Verbindungen mit deutschen Stay Behind- Gruppen hatte. Die Zusammenhänge zwischen dem Anschlag in München und der Geheimarmee sind nicht bewiesen, seltsam ist dennoch, dass Zeigenaussagen aus rechten Kreisen tatsächlich korrekte Auskünfte über die Verstecke von Waffendepots in der Nähe einer der DDR-Staatssicherheits bekannten westdeutschen Stay Behind-Gruppe geben konnten und von den selben Zeugen von einer Verbindung des Oktoberfestattentäter mit diesen Kommandos hingweisen wurde.
Interessant wird die ganze Geschichte im Zuge der Wahlen zum Europaparlament. Der EVP-Spitzenkandidat Jean Claude-Juncker ist als Premier von Luxemburg im Jahre 2013 von seinem Posten zurückgetreten, weil ein Untersuchungsausschuss des luxemburgischen Parlaments dem Premier die Verantwortung für die unkontrollierten Aktivitäten des luxemburgischen Geheimdienst SREL zugewiesen hat. Auslöser der Einberufung des Untersuchungsausschuff waren bis heute unaufgeklärte Bombenattentate der 1980er Jahre in Luxemburg, die ebenfalls mit “Gladio” und damit den Geheimarmeen in Verbindung gebracht werden.

Es gibt also viele Indizien für paramilitärische Aktivitäten im Europa des Kalten Krieges, welche – ausgekoppelt von den offiziellen Staatsorganen, aber im Dienst von ihnen – den kommunistischen Feind nicht nur hypothetisch bekämpften, sondern in Zeiten von Linksterrorismus die Bevölkerung gegen den Kommunismus sensibilisieren wollten. Das ist eine mögliche Lesart. Eine andere Interpretation könnte sein, dass diese Einheiten sich im Laufe der Zeit verselbstständigten und unabhängig von ihrer ursprünglichen Arbeitsaufgabe selbst aktiv wurden. Fakt ist, dass es diese Geheimarmeen gab. Schwierig ist meiner Ansicht nach ihre Rolle in der “Pazifizierung” Europas nach dem Zweiten Weltkrieg zu beurteilen. Haben Sie durch das gezielte Auslöschen von Regimegegnern das Erstarken linker Parteien im Herzen des aliierten Europas effektiv verhindern können? Wäre die Geschichte ohne ihre Tätigkeiten möglicherweise eventuell anders verlaufen, zum Beispiel in Italien?

All das sind Fragen, die sich mir nach dieser brandneuen ZDF-Dokumentation über die Stay-Behind-Gruppen stellen. Ich vermerke, dass ich in den vorangegangenen Zeilen spekuliert habe und jeder Zuschauer sich sein eigenes Bild machen sollte.

http://www.zdf.de/ZDFmediathek#/beitrag/video/2120546/Die-Schattenkrieger-der-NATO

Aber warum sind diese Frage so brisant für das europäische Demokratiebewusstsein? ..weil sie darauf hinweisen, dass Demokratisierungsprozesse nicht immer so modellhaft verlaufen wie es aus allgemein philosophischer Lesart den Anschein hat. Die “Beseitigung” von Regimegegnern ist bei der Konditionierung eines neuen politischen Systems offenbar an der Tagesordnung. Der Mensch ist demnach nicht so zivilisiert, für wie sich oft hält. Löwen jagen Hyänen die Beute ab und umgekehrt. Nicht selten findet einer der Kontrahenten den Tod, bevor der Rest der Gruppe flieht. Hat dieses “Gesetz des Dschungels” in der Konstituierung der Europäischen Union mitgerwirkt und sind nicht Hegel, Kant und Rousseau, sondern weiterhin “Blut und Eisen” die Schmiede einer staatlichen Einigung? Es sei darauf verwiesen, dass auch von linker Seite terroristische Aktvitiäten und entsprechende Pläne gab, die in der jeweiligen Einflusssphäre ebenfalls umgesetzt wurden. Die Existenz rechten Terrorismus im Staatsauftrag soll jenen der Linken keinesfalls entschuldigen. Und mit der Rolle des russischen Reserveoberst Igor Strelkow in der Ostukraine wollen wir gar nicht erst anfangen (http://www.sueddeutsche.de/politik/igor-strelkow-kommandeur-in-der-ostukraine-der-mann-hinter-der-schreckensherrschaft-1.1958675?utm_content=bufferbd97b&utm_medium=social&utm_source=facebook.com&utm_campaign=buffer). Das Problem ist nur, dass das Thema rechte Gewalt weiterhin Brisanz hat. Die Beispiele Italien, Deutschland und Luxemburg wurden schon genannt. Doch auch hier in Spanien gab es eine Einheit der Polizei, welche sich die Terroristen der ETA vorgenommen hat nach dem Prinzip Auge um Auge, Zahn um Zahn. Auch hier gab es Vebrindungen zum spanischen Innenministerium (peinlicherweise zur linken PSOE). Der Untersuchungsrichter Garzón, welcher unter anderem auch diesen Verbindungen auf den Zahn fühlen wollte und daneben gegen Korruption der spanischen Volkspartei und Verbrechen des Franco-Regimes ermittelt hat, musste 2012 seinen Hut nehmen…

Das Thema Paramilitarismus ist für mich nicht neu. Im Zuge meiner Magisterarbeit zu Einfluss der Kooperation zwischen der US-Regierung unter George W. Bush und Präsident Uribe zur Bekämpfung der Guerrilla in Kolumbien ist mir die tragende Rolle der Paramilitärs in der “Befriedung” von Krisengebieten schon längst bewusst geworden. Der Kampf wird dort lediglich offener ausgetragen. Es hat den Anschein, man bekommt in Kolumbien das zu Gesicht, was sich hier – selbstverständlich in kleineren Dimensionen – EVENTUELL auch abgespielt hat. Ein gutes Beispiel zeigt diese Dokumentation über die Rolle der Paramilitärs im Kampf des ehemaligen Präsidenten Álvaro Uribe Vélez gegen die Guerrilla. Sie zeigt, mit welchen harten Bandagen bei der Konstituierung eines Staates wirklich gekämpft wird.

Die Frage, die mich bei dem Thema Geheimarmeen und Paramilitärs nicht mehr loslässt: Ist es letztendlich nur der Grad der paramilitärischen Aktivitäten, welche die industrialisierten Länder von den an Großmächte angeschlossene periphere Ländern wie Kolumbien unterscheidet? Gibt es so etwas wie eine für uns unsichtbare “schützende” Hand, welche nach wie vor die Grenzen des politisch Korrekten absteckt und gemäß eines männlichen Löwen die Grenzen des Rudels markiert? Bevor wir jetzt in abstruse Verschwörungstheorien abrutschen, zurück zur Vernunft.
Sicher ist eines: Macht bleibt Macht und ist mächtig aufgrund des Einsatzes aller Mittel, die ihr zur Verfügung stehen. Wie der Untergang des Römischen Reiches gezeigt hat, es reicht offenbar nicht, diese Macht zu haben, sondern es kommt darauf an, dass man sie auch einsetzt. Macht definiert sich vorallem durch die Möglichkeit, den moralischen Kodex zu dominieren und andererseits mit allen Mitteln zu kämpfen, wenn es die Situation erfordert ohne dabei selbst die eigene Definition der “political correctness” zu verletzen. Und genau hier kommen die Paramilitärs ins Spiel. Wollen wir hoffen, dass die Anschläge in den 1980er Jahren Einzelfälle kein staatlich geplantes Szenario gewesen sind, sondern auch die Verwilderung der einzelnen Verbände zurückgehen und dem Staat die Verbindung zu diesen Fanatikern zu peinlich wurde. Solange man nichts genaues weiß, ist immer Platz für ein bisschen Optimismus. Letzten Endes bleibt uns auch nichts anderes übrig. 😉

Diese Arte-Dokumentation ist schon etwas älter, aber auch nicht schlecht:

Quellen und Anmerkungen:
Mit dem Thema beschäftige ich mich schon lange. Der Großteil des Dargestellten ist aus den obigen Dokumentationen ersichtlich. Dennoch einige Hinweise.
Informiert über den kolumbianischen Paramilitarismus habe ich mich über die Disseration von Raul Zelik mit dem Titel “Die kolumbianischen Paramilitärs. ‘Regieren ohne Staat’ oder terroristische Formen innerer Sicherheit.” Verlag Westphälisches Dampfboot. Mai 2009. (ISBN: ISBN 13: 978-3-89691-766-9). Das Werk ist über die Münchner Staatsbibliothek zugänglich. Zelik geht darin auch auf die Gladio-Anschläge und das Oktoberfestattentat ein.

Eine linke Stay-Behind-Gruppe der DDR, auf die ich in der Einleitung eingehe, ist die Gruppe Ralf Forster. Der Unterschied zu seinen westlichen Counterparts bestand darin, dass diese zwar in der DDR ausgebildet, jedoch ihre Sabotageakte in der Bundesrepublik hätte verüben sollen. Im Vergleich dazu wären die “rechten” Stay Behind Gruppen im eigenen Land geblieben und hätten im Falle einer Besatzung durch die Truppen des Warschauer Pakts agiert. Mehr Informationen findet ihr hier: http://www.sz-online.de/nachrichten/dkp-paramilitaers-von-der-stasi-ausgebildet-615760.html

Über die Anschuldigungen gegen (zukünftigen?) EU-Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker und seinen Rücktritt 2013 informierte die Tagesschau und folgender Link. Darin steht auch einiges über die Probleme, die ihm die Affäre und das “Eigenleben” des luxemburgischen Geheimdienstes bereitet hat. http://www.tageblatt.lu/nachrichten/story/Regierung-droht–das-Aus-27574792

Der Affäre Baltasar Garzón ist in dem Länderporträt des deutschen Spanienkorrespondenten Martin Dahms anschaulich dargestellt (Dahms, Martin. “Spanien. Ein Länderporträt”. Ch. Links Verlag. 2011. ISBN: 978-3-86284-089-2)

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