Weil es mich so tierisch aufregt !! – EINE kritische Rezension ZWEIER Bücher

Die Werke, um die es gehen soll:

“Geheimgesellschaften und ihre Macht im 20. Jahrhundert” von Jan van Helsing (Pseudonym)

“Politische Ponerologie” von einem polnischen Autor

Er war damals erst 14 und interessierte sich überhaupt nicht für Politik und erst Recht nicht für so schwer verdaubare Themen wie Antisemitismus. Alles was er über Geschichte wusste, kam aus der Schule und von seinen Eltern. Johann war mit der Welt um sich herum tief versöhnt, solange seine Mutter kein Hausarrest gab und ihm der Vater nicht die Drohungen seines Mathe- und Physiklehrers ernst nahm und ihm mit lästigen Textaufgaben das Wochenende versaute. Aber das übertrug er nie auf die politische Umfeld. Gegen andere Religionen, Ausländer und Multi-Kulti hatte er nichts. Im Gegenteil: Rechtsextremismus fand er geradezu abstoßend. Es störte, ja, ängstigte ihn sogar.

Eineinhalb Jahre später. Die Familie kommt aus dem Frankreichurlaub zurück und fährt durch die Schweiz, streift Zürich auf der Autobahn. Man sieht die hohen Wolkenkratzer der vielzitierten Schweizer Banken  in den grauen Himmel ragen. Da schreit Johann plötzlich wie aus heiterem Himmel: “Da drinnen sitzen sie, die Juden und all die anderen Weltverschwörer, da seht her, da sitzen sie; die Bösewichte!!”.

Die Eltern sind schockiert. Mutter Maria hatte gerade den Oskar-Maria Graf zu Ende gelesen und musste mit Entsetzen feststellen, dass ihr eigener Sohn dieselben Sprüche wie die Nazis zu Beginn des 20. Jahrhunderts bedenkenlos in die Welt schleuderte. War ihr lieber Johann etwa in die rechte Szene abgerutscht? Seltsam, gerade ein halbes Jahr vorher hatte er doch in der Schule an einem Zusatzprojekt GEGEN rechte Gewalt teilgenommen und zusammen mit seinen Poster zur Integration gebastelt. Alles nur Tarnung? Ein “verkappter Nazi?” Doch Johann beteuert wiederholt sein Einverständnis mit Integration. Er hatte mit der rechten Szene nichts zu tun. Aber wo holte er dann diese Sprüche her?

Der Wandel war unauffällig geschehen. Johann hatte sich mal für Außerirdische und so Zeug interessiert, das war neu. Es waren neue Freunde in das Haus gekommen, ihm wurden Bücher empfohlen. Mutter Maria hakte nach und fand heraus, dass besonders ein verbotenes Buch eines gewissen Herr van Helsing innerhalb von Johanns Freundeskreis für helle Aufregung sorgte. Darin stünde “die Wahrheit über Außerirdische” drinnen und es musste wahr sein, denn es war ja schließlich verboten. Also wollte jemand nicht, dass das Gesagte ans Licht kommt. “Brandheises Material”, auf der Liste der Jungen genauso interessant wie bei Anderen die Drogen und die ersten Zigaretten. Zu dumm, dass parallel gerade der Geschichtsunterricht über die Vergangenheit Deutschlands aufklären sollte, ja…”aufklären”. Die Wahrheit, das wussten Johann und seine Freunde schon längst, war eine ganz Andere. Es gab noch eine andere Geschichte, von der niemand etwas wusste, weil sie ja vertuscht wurde. So, wie alles brisante Material, das die Welt verändern konnte. Und die ist aus der Perspektive eines 14-Jährigen ja sowieso scheisse. Wie Alles eben.

Das Buch, das dem unschuldigen Johann den Kopf verdrehte, hat den Titel “Geheimgesellschaften und ihre Macht im 20. Jahrhundert.” Kurze Inhaltsangabe: Der Autor postuliert eine Verschwörungen obskurer Geheimzirkel, deren Wurzeln bis zu den Kreuzzügen zurückgehen und deren Sinn und Zweck es ist, die Welt dauerhaft unter ihrer Herrschaft zu knechten. Das Ergebnis heißt dann “Eine Welt Regierung”. Die zentralen Akteure in diesem Abenteuer, so die Aussage des Buches, seien dekadente Auswüchse ursprünglich edler Ritterorden wie jene der Templer oder der Rosenkreuzer, groß zusammengefasst unter dem Überbegriff der “Illuminati”, die Erleuchteten mit dunklen Absichten. Über die Geschichte hinweg hätten diese Illuminati über Freimaurerlogen, Geheimgesellschaften und offiziellen Regierungszirkeln das Weltgeschehen zu ihren Gunsten manipuliert und würden – ganz im Einklang mit jüdischen Bankiers alias der Weisen von Zion – die in einem rauchigen Abend festgelegten Protokolle schon seit Jahrhunderten Punkt für Punkt umsetzen, um letztendlich die Eine-Welt-Regierung unter ihrer Diktatur durchzudrücken. Freihandel, Kommunismus, USA und Sowjetunion seien nur künstlich erzeugte Widersprüche in ein und demselben Spiel, das letzten Endes nur diesen einen bösen Endzweck zu Ungunsten aller Nichteingeweihten haben kann: “Novus Ordo Seclorum”, so wie es schon großkotzig auf der Ein-Doller-Note gestanden hat und die neue Macht netterweise schon früh ihre Ambitionen angekündigt habe. 

Der arme Johann glaubte diesen ganzen Bockmist. Überflüssig zu erwähnen, dass sich die Geschichte mit dem Johann wahr ist und er diesen Schwachsinn wirklich für bahre Münze gehalten hat. Ein vernachlässigbarer Einzelfall eines beeinflussbaren Jungen ohne Orientierung? Gar verfrühte Anzeichen von Schizophrenie? Weit gefehlt. Johann ist KEIN Einzelfall.

Bei ihm zu Hause wirkte zum Glück noch seine energische Mutter entgegen, doch das war nicht immer so. Ein Freund von Johann bekam dieses Werk von seinem Vater ausgehändigt, nachdem ihm dieser in einem vorangegangenen ernsten Gespräch zu verstehen gegeben hatte, dass er nun alt genug dafür sei. Welche Ehre! Auch sein Freund viel später immer wieder durch rechtsgerichtete (und angeblich nicht ernst gemeinte) Kommentare wiederholt negativ auf. Wie viele Jugendliche ihre Gesinnung von diesem Buch geerbt hatten, ist kaum abzuschätzen: Das Werk war einst ein Bestseller und sein Verbot machte es erst recht attraktiv. Doch der spätere Erfolg von Dan Browns Roman “Illuminati” lässt nur erahnen, wie weit sich diese abstruse Verschwörungstheorie in die Köpfe der Menschen gefressen hat.

Ist dieser Jan van Helsing ein Nazi? Mit Sicherheit nicht – doch wie es seine Kritiker zurecht vermerken – es ist nicht so wichtig, was eine Person ist als was sie mit einem bestimmten Werk tut. Auch ich bin, wie damals Johann, in der Jugend seinem Werk erlegen. Ich brachte es sogar soweit, Leute aus dem persönlichen Umfeld von Jan van Helsing kennen zu lernen. Das waren keine Nazis. Doch eine Analyse dieses Buches zeigt schnell auf, dass aufgrund unvorsichtiger Recherche rechtsgerichtetes Gedankengut in die zentralen Aussagen des Autors eingeflossen ist. Die rechte Szene hat nämlich schon längst erkannt, dass die Esoterik- UFO- und Verschwörungsszene wie ein Schwamm alles aufsagt, solange es nur gegen das System ist. Gut verpackt in UFO-Geschichten sieht Vater Staat keinen Grund zur Gefahr und klärt in den Schulen darüber nicht auf. Einige Sekten haben es da schon schwieriger. Doch solange es sich nicht um konkrete Organisationen handelt, sehen die Behörden weg und die Szene avanciert zu einem Rummelplatz für Sinnsucher und Interessierte, aber auch Scharlatane, Abzocker, und eben Menschen mit politisch mehr als fragwürdig anzusehenden Ansichten. Auch in der Techno- und Drogenszene sind diese abgedrehten Thesen sehr beliebt. Jan van Helsings Buch steht nicht allein, da, sondern war lediglich das Auffälligste (wegen des Verbots). Ich habe in meiner Jugend noch viel mehr solcher Bücher in die Hände bekommen. Was die inhaltlichen Fragen anbetrifft, so handelt es sich hierbei um eine willkürliche (und oft unzureichend recherchierte sowie aus dem historischen Kontext gerissene) Interpretation tatsächlicher oder auch erfundener Ereignisse. Gute Beispiele für die Irrsinnigkeit der falschen Argumentationen findet ihr hier:

http://www.h-ref.de/literatur/h/helsing-jan-van/geheimgesellschaften-1.php

Doch in den letzten Jahren scheint ein anderes Buch den “Geheimgesellschaften […]” Konkurrenz zu machen. Der Ansatz ist oberflächlich betrachtet etwas anders. Auch schreibt der Autor nicht unter einem Pseudonym, sondern mit seinem offiziellen Namen und – zumindest habe ich keine wiederlegende Information gefunden – ist Professor für Psychologie. Zusammen mit Zbigniew Brzezinski hat er schon im Kabinett der amerikanischen Regierung gearbeitet. Das Buch trägt den mysteriösen Namen “Politische Ponerologie”. Der Leser erfährt schon zu Beginn der Lektüre, das “wichtigste Buch” (S. 3 meiner Pdf.Ausgabe) in den Händen zu halten, das er jemals lesen wird. Klingt vielversprechend. Und tatsächlich beginnt das Buch ruhig und scheinbar bodenständig. Allerdings trügt der Schein der friedlichen Ruhe. Nach einem Abriss über die Natürlichkeit des menschlichen Sein, die Entstehung seiner Psyche und sein Verhältnis zu den anderen Geschöpfen der Erde geht es bald ans Eingemachte. Der Autor kontrastiert die “normalen” Wesenszüge eines Menschen, wie er sein SOLLTE mit denen, die es NICHT SIND und ereifert sich bald in einer komplexen Klassifizierung sämtlicher Krankheitsbilder in “Charakteropathen”, “essenziellen Psychopathen”, “Schizoiden”, so dass einem beinahe schwindelig wird. Doch damit nicht genug. Die verschiedenen Störungen stehen offenbar in einer angeregten Wechselbeziehungen zueinander und bauen sich ihre eigenen Organisationen auf, welche jene der normalen Menschen infiltrieren, unterdrücken und sie letztendlich in eine “Pathokratie” umwandeln, die darin besteht, dass die normalen Menschen für die Gestörten arbeiten müssen, bis diese nicht mehr können und das Regime letzten Endes doch umstürzen. Dann geht alles wieder von Vorne los. Normale Menschen bauen etwas Friedliche auf, werden irgendwann unvorsichtig und von der Pathokratie abgelöst. Traurig.

Auch dieses Buch ergötzt sich mit geschichtlichen Beispielen und spart nicht in (von heutigen Experten abgeratenen) Ferndiagnosen von Lenin, Stalin, Kaiser Wilhelm I., Felix Dscherschinsky und weiteren Bösewichten des 19. und 20. Jahrhunderts. Am Anfang der Misere stehe immer eine schizoide Persönlichkeit, die vor lauter Denken und Wut nicht schlafen kann und der irgendwas an der eigentlich normalen Gesellschaft stinkt. Dann sucht sie sich ein paar Freunde und gründet eine Bewegung, um ihre eigene Ordnung aufzubauen. Da kommt es dann meistens zu einem Machtkampf zwischen einem Charakteropathen, der noch böser ist und mit Hilfe von den essenziellen Psychopathen  (noch viel böser) oft gewinnt. Dann geht die Scheisse erst richtig los. Beispiel des Autors: Das Verhältnis des Diktatoren Josef Stalin (ein Charakteropath) zu seinem Geheimdienstchef Lawrenti Beria (ein “essenzieller Psychopath”). … irgendwann wird es den normalen Leuten aber dann doch zu viel und sie leiten den Wandel ein, da die Gestörten ohne die Hilfe der Normalen eh nichts hinbekommen. Das ist der gefürchtete “hysteroide Kreislauf”. Schon gemein, oder?

Eins muss man der “Politischen Ponerologie” lassen. Sie geht vorsichtiger an die Sache ran wie der Kauderwelsch von van Helsings “Geheimgesellschaften”. Auch ist das wissenschaftliche Niveau um Klassen besser. Ist es daher gar ein Fehler, die beiden Werke in einen Topf zu werfen?

Doch ein kurzer Blick auf den Aufbau, die Argumentation und das Ergebnis beweist, dass dem nicht so ist. Beide Werke gliedern sich in drei Teile, die erstaunlich ähnlich sind.

Am Anfang steht eine persönliche Erfahrung. Wo der eine Lehren von einem großen Freimaurer erhalten haben will, beklagt der andere die Übernahme seiner Universität durch psychopathische Professoren und die “Transpersonalisation” beeinflussbarer Studenten. Beide Werke haben einen abenteuerlichen Hintergrund ihrer Veröffentlichung. Während Helsings Schriften bald verboten wurden, schaffte es die “Politische Ponerologie” nicht einmal, im kommunistischen Polen veröffentlicht zu werden. Über Umwege kam das Manuskript nach Amerika. Deswegen gibt es trotz zahlreicher Quellenangaben im wissenschaftlichen Stil leider keine Beweise für die Behauptungen und an zahlreichen Stellen angeführten statistischen Angaben.

Nach der anfänglichen Vereinnahmung des Lesers durch diese persönlichen Erfahrungen wird man in die wahre Geschichte der Menschheit eingeführt. Bei Helsing geht es gleich von Anfang an drunter und drüber mit Ritterorden, Kreuzzügen und geheimen Ritualen, so dass einem bald die Lust an den Malteser-Bonbons vergeht. “Politische Ponerologie” beginnt wie gesagt vorsichtiger und zieht die Argumentation oft unnötig in die Länge. Dennoch wird ebenfalls im “Hauptteil” eine Umdeutung der Geschichte vorgenommen und der Leser “überzeugt”. Bis jetzt denken wir: Alles ist Böse.

Doch dann, in einem dritten und letzten Schritt, kommt endlich die Erlösung. Helsings wagt sich ins Esoterische. Von vielen Lesern wurde ich damals auf die “Wichtigkeit der zwei letzten Kapitel” eingeschworen. Ähnlich passiert es auch mit der “Politischen Ponerologie”, wo im Prinzip ebenfalls religiös fundierte Verhaltensweisen als Gegenmittel empfohlen werden. Eine katholisch geprägte Leserin aus meinem Freundeskreis, stellte fast schon belustigt fest, dass dieselben Aussagen auch in der Bibel wiederzufinden sein. Und Polen ist und war ja bekanntlich seit jeher ein katholisches Land.

So ist man denn auch dort bei den jüdischen Gläubigen nicht immer frei von Misstrauen. Zumindest höre ich von meinen polnischen Freunden immer wieder Klagen über den dort grassierenden Antisemitismus. Ich will dem Autor von “Politische Ponerologie” keinen Antisemitismus unterstellen (ich will überhaupt nichts unterstellen). Doch fällt es mir und euch nach dem Lesen der folgenden Textauszüge sicherlich schwer, das nicht zu tun:

“Die qualitative Häufigkeit des Auftretens dieser [schizoider, Anmerkung von mir] Anomalie ist von Rasse und Nation abhängig: bei Schwarzen tritt sie selten auf, bei Juden am meisten.” (Seite 77) Das gelte auch für den schizoiden Psychopathen, denn da “sie am häufigsten unter den Juden auftritt, und wegen der außerordentlichen Hartnäckigkeit und bleibenden Natur, die diese Pathologie kennzeichnet, bezeichnet sie ihre ganze Zivilisation und Weltsicht.” (Seite 196)

So scheint denn auch “Israel scheint in der heutigen Welt einen besonderen Platz einzunehmen. Es kann internationales Gesetz brechen und sich gleichzeitig nicht darum kümmern, ob es dafür Rechenschaft ablegen werden muss. Es kann brutale Attacken auf die Palästinenser entfesseln und doch immer nur als das Opfer dargestellt werden – eine typische psychopathische Taktik. Angriffe auf Juden werden rund um den Globus penibel katalogisiert und veröffentlicht, während dieselben Taten auf Araber und Moslems akzeptabel sind – eine weitere psychopathische Eigenschaft.” (S. 221)

Was fehlt denn da noch? Genau! Die “Protokolle der Weisen von Zion”. Ironisch gesagt, hatte ich ihre Erwähnung fast schon vermisst. Sie dürfen natürlich nicht fehlen, dieses Mal in Verbindung mit der schizoiden Persönlichkeitsstörung, die ja anscheinend auch eine Form von Psychopathie ist (ich lächele gerade wieder ironisch)…

“Die berühmten Schriften, die den `Weisen von Zion` zur Jahrhundertwende zum 20. Jh.
zugeschrieben werden, beginnen mit einer typischen schizoiden Deklaration.4 Das neunzehnte
Jahrhundert, besonders dessen zweite Hälfte, scheint eine Zeit der außergewöhnlichen Aktivität von
schizoiden Menschen gewesen zu sein, oft, doch nicht immer, aus jüdischer Abstammung.” (S. 114).

Also mal ehrlich: Gehen wir doch mal davon aus, der kleine Johann hätte mit 14 Jahren statt Jan van Helsings Geheimwerk die “Politische Ponerologie” gelesen. Ich behaupte, er hätte auf der Züricher Autobahn nicht viel anders reagiert. Vielleicht hätte er statt “Da drinnen sitzen sie, die Juden und all die anderen Weltverschwörer,…” gesagt: “”Da drinnen sitzen sie, die Juden und all die anderen Psychopathen,…”

Das ist doch dann wirklich einerlei, oder? Ich glaube, ihr ahnt schon, welches Problem ich mit diesen Werken habe.

Beide Autoren dealen – der eine chaotisch und unsauber, der Andere mit durchaus professionellem Anspruch – mit unbewiesenen Argumentationssträngen und Halbwahrheiten (siehe Anhang II und III ganz unten), um dem Leser ein paranoides Weltbild aufzudrücken, das von antisemitischen Vorurteilen durchzogen ist. Die letzten Teile vollenden die “Reinwaschung” des Laien und geben ihm das höhnische Glücksgefühl, das alle Verschwörungstheorien mit sich bringen: Man selbst ist gut, kann nichts für sein Leid, daher nichts daran ändern und sollte daher nicht versuchen, öffentliche Verantwortung übernehmen ohne in stumpfen Populismus zu verfallen. Ob gewollt oder nicht – man muss dem Autor von “Politische Ponerologie” zugute halten, dass er von einer Hetze gegen andere Menschen abrät – am Ende haben wir nach der ernsthaften Lektüre beider Werke dasselbe Resultat: eine Hexenjagd auf vermeintliche jüdische Verschwörer, Freimaurer und Menschen mit geistigen Problemen. Und wie wir alle aus der deutschen Geschichte wissen, handelt es sich hierbei um die perfideste und dunkelste Seite bürgerlichen Populismus. Es waren keine Geheimlogen oder makrosoziale Pathokratien, sondern Populismus angestachelt durch Argumentationen wie diese hier, unter dessen Flagge die größten Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen wurden.

Diese beiden Werke, so verschieden sie in ihrer äußeren Erscheinungsform auch sein mögen, veranschaulichen meiner Ansicht auf deutliche Weise, wie Menschen zu menschenfeindlichen Ideologien verführt werden. Keiner kann dem Leser solcher Schriften böse Absichten unterstellen. Es wird suggeriert, das Gelesene sei zu seinem Besten und im Sinne der gesamten Menschheit. Man fühlt sich auserwählt, ja, selbst erleuchtet. Dann schreitet man voran mit seinem neu gewonnenen Misstrauen und hält sich für den legitimierten Hüter dieser einzigen und alles erklärenden Wahrheit. Alles wird auf einmal so verdächtig. Und das Problem: Freimaurer gibt es ja. Psychopathische Serienmörder und Manipulatoren auch. Moralische Unsauberkeiten von demokratischen Regimen sind ebenfalls bekannt und es ist nicht auszuschließen, dass viele Politiker sich inoffizieller Netzwerke bedienen, um karriemäßig voranzukommen (dieser Blog lebt ja davon, sie aufzuzählen 😉 ). Doch dennoch bleiben sie Teile eines viel komplexeren Weltgeschehens, das niemand durch sein alleiniges Tun dauerhaft lenken kann. Verschwörungstheoretiker vereinfachen dort, wo eine komplexe Weltsicht angebracht wäre. Und in den Einzelfällen, wo oft primitivste menschliche Leidenschaften (wie sie jeder von uns hat) den Ausschlag für eine kriminelle Handlung geben, interpretieren Verschwörungstheoretiker widerum hochkomplexe verschnörkelte Machenschaften von Satan über reptoide (und wahrscheinlich auch noch psychopathische 😉 ) Außerirdische bis hoch zu Gott in banalste Beweggründe hinein. Und immer wieder begegnen wir demselben Muster: Man verknüpft willkürlich Einzelfälle unmoralischen Verhaltens eines Individuums oder einer Organisation, um daraus eine universell anwendbare Theorie abzuleiten. Die Verwicklung der CIA bei der Wiedereinführung des Schahs von Persien fehlt bei Jan van Helsing genauso wenig wie der Verweis auf den Opiumhandel des britischen Empire in China. Genauso treibt es der Autor von “Politische Ponerologie” mit der in der Tat besonderen Beziehung zwischen Stalin und Beria. Doch all das sind Einzelfälle, schreckliche Ergebnisse ihres speziellen Kontexts, die nicht miteinander in Zusammenhang stehen. Dennoch halten sie als willige Fakten die Illusion aufrecht, dass diese Ereignisse nicht nur kausal miteinander verknüpft sind, sondern nur die Spitze eines dicken Eisbergs darstellen. Überhaupt werde uns seit Jahrhunderten nur etwas vorgespielt. Wir sind nie verantwortlich. Alle sind böse, nur unser Zirkel der “Eingeweihten” ist gut. Deswegen blasen wir zum Kampf gegen Alles, was wir nicht kennen. Dass man nicht wirklich weiß, was in Freimaurerlogen passiert, ist eine Sache. Doch daraus eine alles umschlingende Verschwörung abzuleiten, gegen die wir uns präventiv zur Wehr setzen müssen, eine Andere. Der Ankläger ist nur allzu oft der Täter selbst. All jene Anklagepunkte, die wir den “Verschwörern” vorwerfen, tun wir selbst, indem wir uns einem Zirkel von “Erleuchteten” und “Vertretern der Wahrheit” angehörig fühlen und alles um uns rum verneinen. Das soll nicht heißen, dass man die Politik nicht kritisieren darf, aber man sollte innerhalb dieser Kritik dann doch kenntlich machen, wann man sich auf erwiesene Fakten beruft und wann man spekuliert. Alles andere ist Populismus der primitivsten und gefährlichsten Form. Als ich mit 16 Jahren nur knapp der Faust unseres “Dorfnazis” entgangen war und ihn fragte, warum er denn rechts sei (was er vorher stolz zugegeben hatte), erklärte er mir: “Deutschland sei eine Einheit. Außen rum nur Feinde.”

Damit schließt sich der Kreis.

Gestern Abend machte ich endlich mal die Probe aufs Exempel. Ich wollte wissen, ob die Leser von Jan van Helsings Werken mit denen von “Politische Ponerologie” identisch sind, wie ich es schon lange vermute.

Anhang I: Die folgenden Links sind das Ergebnis meiner “Recherche”. Alles findet sich schon auf der ersten Seite bei Google. Jeglicher Kommentar meinerseits erübrigt sich an dieser Stelle:

http://www.allmystery.de/themen/lt82408

http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2013/05/07/saatgut-drei-konzerne-bestimmen-den-markt-fuer-lebensmittel/comment-page-3/ [ich verweise auf zwei Kommentare der User “HalloindieRunde” und “Detlev”]

http://stevenblack.wordpress.com/2011/0/page/8/ [die Ausführung zu “Politische Ponerologie” finden sich etwas weiter unten, die über Jan van Helsing gleich oben]

Es gibt noch eine Seite eines Rechtsanwalts, aber ich lasse es aus Desinteresse an einer Klage lieber, den Link zu veröffentlichen ;-))

Anhang II: Ein paar Fakten gegen einige Behauptungen aus beiden Büchern:

Mit der aufmerksamen Lektüre von Sachbüchern qualifizierter Autoren zu historischen Themen lassen sich van Helsings Aussagen leicht entkräften. So zum Beispiel anhand des Buchs mit dem Titel “Der junge Stalin” des englischen Stalin-Biografen, Simon Sebag Montefiori, ein Autor, der in seinem Werk zum ersten Mal auf Dokumente der Archive der ehemaligen Sowjetunion zurückgreifen konnte und sich mit diesem Thema wohl mit am Besten auskennt. Er untersuchte das auch bei van Helsing präsente Gerücht, Josef Stalin sei ein Agent des zaritischen Geheimdienstes Ochrana gewesen. Montefiori kam zu dem Schluss, dass dem nicht so war. Es gab zweifellos Ochrana-Agenten in der bolschewistischen Partei und ihre Verwicklung beeinflusste nachhaltig die konspirative Ausrichtung der Revolutionäre, in dessen Umfeld Stalin seine politischen und vor allem konspirativen Eigenschaften entwickelte. Es war diese ständige Präsenz des Kampfes von Revolution und Konterrevolution hinter den Kulissen, welche die bolschewistische Partei nachhältig prägte und auch Stalin selbst zu einem konspirativen Akteur heranwachsen lies, der vor allem von Misstrauen gegen mögliche Verräter geprägt war. Allerdings für seine Ideologie, nicht dagegen. Stalin sei in der Tat ein “blühender Marxist” und verblendete Ideologe gewesen, der an das, was er im Namen dieser Ideologie tat, glaubte. Demzufolge hält es Montefiori für sehr unwahrscheinlich, dass Stalin selbst für die Ochrana gearbeitet hatte, sondern seine Paranoia aus den Jahren im Untergrund vor der Revolution, geprägt von diversen Infiltrationsversuchen der Ochrana, geerbt hat.

Die Ochrana hatte es in der Tat in sich. Man muss in diesem Kontext daran erinnern, dass der “Klassenkampf” in Russland in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit besonderer Härte ausgetragen wurde. Das lag vor allem an dem krassen Gegensatz zwischen der adeligen Schicht und der überwiegend landwirtschaftlich geprägten Bevölkerung, der auch in der späteren und auf wenige Städte konzentrierten Modernisierung des Landes nicht verschwand. Ein ganz änliches Szenario stellte sich in Europa übrigens auf der iberischen Halbinsel, allen voran in Andalusien in der Region um Cadiz, dar. In Russland hingegen kam es nach einer ganzen Serie von Attentaten, zur Ermordung (!) des Zares Alexander II. durch die Gruppe Narodnaja Wolja. Die Ochrana konterte, indem sie die Organisation zerschlug. Durch Infiltrationen schaffte sie es ebenfalls, wie das durch sie in der Organisation der Bolschewiki entstandene Misstrauen zeigt, der Revolution und damit auch der Epoche ihren Stempel aufdrücken. Die Ochrana arbeitete, aus der Notwendigkeit heraus, mit sehr modernen und effektiven Methoden, die der Intuition von Geheimdiensten ihrer (und nach Montefiori sogar heutiger Zeit!) weit voraus waren. Sie schreckte dabei vor keinerlei Skrupel zurück.

In diesen Dunstkreis von Revolution und Konterrevolution soll laut Historikern auch die Fälschung der berühmt berüchtigten Protokolle der Weiseneschichte von Zion zu fallen. Zumindest ist das Russland des späten 19. Jahrhunderts ein heisser Kandidat als Ursprungsland der Fälschung, auch die Ochrana war als Urheber der Protokolle bereits in Erwägung gezogen worden. Wie dem auch sei, eine parallele und in Westeuropa wenig beachtete Geschichte gab es in Andalusien im Prozess gegen einige Gewerkschaftsmitglieder, die angeklagt worden waren, der anarchistischen Organisation “Mano Negra” anzugehören, ein erfundenes und zu Propagandazwecken konstruiertes “Phantom”, das in der antiliberalen Presse im Spanien des späten 19. Jahrhunderts immer wieder dazu benutzt wurde, um die öffentliche Meinung gegen revolutionäre Ideen aufzubringen. Die einzige Schlussfolgerung bleibt, dass extreme soziale Disparitäten in der Gesellschaft in Zusammenhang mit der Modenrisierung zu Konflikten und Gewalt auf beiden Seiten führen, in der Gerüchte über Verschwörungen auf fruchtbaren Boden fallen. Die Erwähnung des sozio-ökonomischen Kontextes und die mit ihm zwangsläufig in Verbindung stehende Klassifizierung als abhängiger Output zeitlich und regional begrenzter Umstände fehlt in Jan van Helsings Verschwörungswerk. Seine Alternative: Noch vor Erreichen des 30. Lebensjahres wusste er es schon besser als ein Stalin-Biograf Montefiore, der mehrhaft in die ehemalige Sowjetunion gereist war und persönlichen Zugang zu erstmals offen stehenden öffentlichen Archiven hatte: Stalin sei, da ist sich van Helsing sicher, ein Ochrana-Agent gewesen. Und die Protokolle der Weisen von Zion gingen ganz unabhängig auf eine Geheimversammlung jüdischer Bankier zurück, von der die Weltöffentlichkeit nur Notiz nahm, weil ein Überbringer der Protokolle vom Blitz getroffen worden war. Punkt.

Anhang III: Das Werk über “Politische Ponerologie” lässt sich indessen mit seinen eigenen Waffen schlagen. Dabei hatte ich das ursprünglich gar nicht beabsichtigt. Die mir zugrunde liegende Auflage ist aud das Jahr 2006 datiert und im Nachwort wird der ausgewiesene kanadische Experte auf dem Gebiet der Erforschung psychopathischer Störungen, Dr. Robert Hare, zitiert. Soweit so gut. Im Werk selber führt der polnische Autor die psychopathologischen Persönlichkeitsstörungen auf Schädigungen im Frontallapen des Gehirns zurück. Das war laut Robert Hare tatsächlich einmal, vor langer Zeit (!), ein Erklärungsversuch. Robert Hare geht in seinem Werk “Gewissenlos” auf diese Theorie ein (“Politische Ponerologie” findet sich selbstverständlich nicht als Quelle im Literaturverzeichnis). Er schreibt, dass dieses Modell zwar interessant sei, allerdings neuere Forschung ergäben hätten, dass bei Psychopathen keine Hinweise auf Schädigungen der Frontallappen bei Psychopathen festzustellen seien. Siehe hierzu: Hare, Robert, “Gewissenlos. Die Psychopathen unter uns”, Übersetzt von Karsten Petersen, Springer, Wien/New York, 2005, S. 149. Angesichts der Tatsache, dass Robert Hare in meiner Auflage der “Politischen Ponerologie” erwähnt wird und die neuen Forschungsergebnisse schon bekannt waren, da Hare sein Buch vorher veröffentlicht hatte, so wundert es mich doch sehr, dass eine neuere Auflage von “Politische Ponerologie” diese Erkenntnis nicht mit aufgenommen hat. Der polnische Autor war zu diesem Zeitpunkt schon sehr alt, doch ist es dennoch eine unsaubere Arbeit der Verleger, diesen Fehler nicht zu korrigieren, denn sie sind es schließlich, die im Nachwort Dr. Hare zitieren! Damit auch der wissenschaftliche Gesamtwert des Werkes fragwürdig. Wenn schon in der essenziellen Aussage des Textes, alle Psychopathen gingen auf Schädigung des Frontallappens zurück, nicht haltbar ist, so muss man den Rest der Argumentation zwangsläufig auch in Frage stellen, da er ja auf der anfänglichen These aufbaut.

Dass sich in der folgenden Argumentation in der “Politischen Ponerologie” und nun auch noch zahlreiche Ferndiagnosen politischer Persönlichkeiten finden, die schon lange tot sind, trägt nicht gerade zu einer wissenschaftlichen Aufwertung der These bei, vor allem, weil die Zurückführung von politischen Katastrophen auf psychologische Komponeten von Politikwissenschaftlern und Historikern ohne hin nur begrenzt befürwortet wird. Das heißt: selbst wenn man die fragwürdige Ferndiagnose erlauben würde, wäre damit immer noch lange nicht bewiesen, dass psychologische Faktoren die Weltpolitik, unabhängig von systemischen Notwendigkeiten, allein bestimmen. Einen sehr interessanten Streit in Akademikerkreisen um die Bedeutung Kaiser Wilhelms II. für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs kann als direkte Antwort auf die in “Politische Ponerologie” aufgestellte Behauptung verstanden werden, der Charakterzug des Kaisers habe Europa in den Ersten Weltkrieg gestüzt. Kaiser Wilhelm II. war emotional wankemütig. Ja. Expressiv und Impulsiv. Auch das. Doch war es gerade diese (übrigens auch bei wirklichen Pschopathen zu findenden) Impulsivität, welche den Einfluss seiner Persönlichkeit auf die Weltpolitik einschränkte (auch das für wirkliche Psychopathen ein Problem). Ein sehr interessanter Artikel in diesem Zusammenhang wurde kürzlich von Christopher Clark in der “London Review of Books”, Vol. 37, No. 8, veröffentlicht. Darin wehrt sich Clark gegen die Behauptung, das Deutsche Reich habe vor dem Ersten Weltkrieg gänzlich nach den Emotionen des Kaiser funktioniert und zählt viele Beispiele auf, bei dem trotz ähnlicher säbelrasselnder Töne des Kaisers in kritischen Momenten der internationalen Stabilität nichts passiert war und die internationale Politik wie gewohnt weiter lief. Ohne den Kaiser zu entlasten, verweist Clark auf die systemische Komponenten, welche auch den Kaiser an Sachzwänge band und dieser selbst seine Emotionen diesen unterordnete. Es sei daher nicht legitim, den Ausbruch des Ersten Weltkrieg als Machwerk des Kaiser allein zu interpretieren, sondern vor allem müsse der Fokus wieder auf die machtpolitischen Konstellationen fallen, die je nach politischer Ausgangslage allen Beteiligten eine wankemütige Diplomatie, ja sogar säbelrasslende Töne, abverlangten:

http://www.lrb.co.uk/v37/n08/christopher-clark/how-powerful-was-the-kaiser

Kurzum, zurück zur politischen Ponerologie: Wir haben eine überholte These über die Ursache des Problems. Neue Forschungsergebnisse wurden trotz der Kenntnis eines der wichtigsten Referenzautoren auf diesem Themengebiet nicht berücksichtigt. Der Rest der Argumentationskette basiert auf einer fragwürdigen Methode, deren Ergebisse auch keine befriedigende Antwort auf das Zustandekommen machtpolitischer Konstellation liefern können, es sei dem, man lässt die Hälfte der Fakten weg (siehe hierzu Clarks Artikel im Link ein paar Zeilen weiter oben) So reduziert sich das Buch zu einem auf Halbwahrheiten und überholten Forschungsthesen basiertes Konstruieren falscher Kausalitäten, das zwar wissenschaftlichen Anspruch erhebt, diesen aber nicht halten kann und in seinen Schlussfolgerungen den Werken von Verschwörungstheorien á la Jan van Helsing ähnelt. Das Beharren auf überholten oder längst wiederlegten Aussagen passiert übrigens ganz oft, auch und vor allem unter qualifiziertem Personal, ist demnach also nichts Besonderes. Ich selbst erlebte während meiner Studienzeit Professoren, welche sich in Themen – die nicht ihr Fachgebiet waren – an eine überholten Aussage festhielten und diese einem breteren Publikum preisgaben, ohne dass sich irgendwer über darüber bewusst war, dass dieses angesprochene Problem im betreffenden Fachbereich schon längst gelöst worden war. Auch in der Wissenschaft hier gilt wie auch anderswo: Schuster, bleib bei denen Leisten.

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2 thoughts on “Weil es mich so tierisch aufregt !! – EINE kritische Rezension ZWEIER Bücher

  1. So viel dazu….. eins habe ich natürlich noch vergessen….es hat mich immer wieder verwundert, wie viele “Reichsdeutsche” sich in der UFO-Szene rumgetrieben haben…aber dass es SO viele davon gibt, erstaunt mich dann schon 😉

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